Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Liebe Leser,

auch ich möchte Euch alle auf diesem Blog willkommen heißen und ich hoffe, dass wir auf dieser Plattform gemeinsam über das Thema Kulturvermittlung diskutieren werden. Vor allem würde ich mich freuen, wenn wir sehr viele Menschen erreichen können, die nicht Kulturvermittler sondern Kunden bzw. Nutzer sind.

Mit diesem Beitrag möchte ich ein paar erste Gedanken zum Thema Kulturvermittlung im Web 2.0 aufschreiben. Dabei geht es mir weniger um Vollständigkeit bezüglich aller relevanten Themen, als vielmehr darum, einen Startpunkt zu setzen, von dem ich in der Zukunft aus argumentieren kann. Einiges von den folgenden Gedanken wird für „Web 2.0-Profis“ nichts Neues sein. Ich denke aber, dass wir eine Diskussion führen sollten, die jeden Interessierten mit nimmt – ohne ihn zu zwingen, sich zuerst Spezialwissen anzueignen. Ansonsten kann das passieren, was ich in letzter Zeit auch auf vielen Konferenzen beobachten konnte: Eine immer gleiche Gruppe von Menschen redet über vergleichbare Themen und vergisst dabei diejenigen, die mit der Arbeit im Web 2.0 erst starten…

Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Wenn man Teil des Netzwerkes Facebook ist, kann man in den Profileinstellungen den aktuellen Beziehungstatus eingeben. Neben den klassischen Einstellungen wie „Single“ oder „In einer Beziehung“ kann man auch „Es ist kompliziert“ eingeben. Warum man dies kann bzw. was man damit erreichen will weiß ich nicht. Ich denke aber, dass mit „es ist kompliziert“ auch die Beziehung der Kulturvermittlung zum Web 2.0 beschrieben werden kann – warum ist das so?

Was bedeutet Web 2.0?
Sicherlich ist es keine neue Erkenntnis, wenn man behauptet, dass das Internet in zunehmendem Maße unsere Gesellschaft verändert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir bezüglich des Web 2.0 den Begriff Gesellschaft nutzen sollten. Sehr oft wird der Fehler gemacht, das Internet oder das Web 2.0 als Technologie zu diskutieren. Und natürlich haben wir es online mit Technologien zu tun. Wenn man aber nun über das Internet als Technologie diskutiert, vergisst man den wesentlichen Aspekt: die Menschen bzw. die User. Das Web 2.0 ist vergleichbar mit einem Fußballstadion. Der Ort an sich, das Gebäude, der Rasen etc., dies alles ist letztlich bedeutungslos. Was das Fußballstadion so interessant macht sind die Menschen, die in ihm Fußball erleben, also die Mannschaften, Betreuer, Trainer, Zuschauer, Sicherheitskräfte, Würstchenverkäufer etc. Sie alle erfüllen das Stadion mit Leben. Und selbst wenn Sie ein Fußballstadion an einem Tag besuchen, an dem es kein Spiel gibt – sie verbinden es immer mit dem Spiel und den Menschen.

Mit dem modernen Internet verhält es sich meiner Meinung nach genauso. Das Internet an sich, die Plattformen haben nur deshalb eine Bedeutung, weil sie von Millionen von Menschen genutzt werden. Und diese Menschen nutzen das Internet auf unterschiedliche Art und Weise. Ich kann über das Internet wissenschaftliche Informationen austauschen oder mich zum Kaffee verabreden. Ich kann über eine vermeindlich wichtige Begebenheit schreiben oder über die Tatsache, dass ich gerade einen Döner esse. Alle diese Inhalte haben grundsätzlich die gleiche Bedeutung und die gleiche Wertigkeit. Ich als User entscheide, welche Information für mich bedeutender ist. Das bedeutet für die Kulturvermittlung, dass sie sich als Teil dieses Gesamtsystems verstehen bzw. ein Teil davon werden muss. Sie hat im Web 2.0 per definitionem keine Sonderstellung – so wie auch Kulturinstitutionen keine Sonderstellung im Netz haben. Sie können bedeutend werden – dies aber nur durch ihre Aktivitäten und Inhalte. Sie beginnen quasi bei 0.

Technologie vs. Kultur
Wenn es also nicht um Technologie geht, um was geht es dann? Ich habe in meinem Kommentar zu Birgits erstem Beitrag bereits geschrieben, dass das Entscheidende die Kultur hinter der Technologie ist. Das Web 2.0 ist m.E. eine eigene Kulturform geworden und diese Kultur basiert auf Kooperation, Offenheit, Transparenz, Interaktion, Teilen etc. Kulturvermittlung im Web 2.0 kann nur funktionieren, wenn sie diese Regeln beherzigt. Und dies hat tiefgreifende Konsequenzen. Es bedeutet z.B. dass sich Kulturvermittler überlegen müssen ob ihre Strukturen und Arbeitsweisen mit dem Web 2.0 kompatibel sind. Ich kann nicht im Internet versuchen, offen, kooperativ und transparent zu sein, wenn meine eigene Denk-, Organisations- und Arbeitsstruktur dies nicht zulässt bzw. ich es nicht selber will.

Kommunikation 1.0 vs. Kommunikation 2.0
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Veränderung der Kommunikation im Web 2.0. Alle bisher bekannten Medienformen ja sogar sehr viele Formen in der realen Welt basieren auf dem klassischen Modell des Senders und Empfängers. Der eine sendet eine Information und der andere empfängt sie. Auch dies verändert sich im Web 2.0, denn der Sender wird zum Empfänger und umgekehrt. Für die Kulturvermittlung bedeutet dies, dass sie also nicht mehr nur vermittelt sondern auch lernt und zuhört. Kulturvermittlung im Web 2.0 bedeutet weniger Vermittlung als vielmehr Dialog auf Augenhöhe. Dies bedeutet letztlich, dass die Deutungshoheit über Werke und Inhalte in Frage gestellt wird. Auch die immer noch vorhandene willkürliche Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur ist im Web 2.0 nicht mehr haltbar. Es sollte also überlegt werden, diese Trennung auch in der realen Welt abzuschaffen. Grundsätzlich sollte aber klar sein: Das Web 2.0 ist nicht kulturlos. Es ist also nicht so, dass Kulturvermittler die Kultur ins Internet bringen.

Die Black-Box Kulturvermittlung?
Bei allen Diskussionen über Kulturvermittlung erscheint es mir sinnvoll genauer zu beschreiben, wer mit dem Begriff Kulturvermittler wirklich gemeint ist? Meinen wir damit nur den professionellen Kulturvermittler? Dies wäre m.E. gefährlich. Dass Internet ist wie schon gesagt nicht kulturlos und „es lebt“ Kultur ja Kulturen ganz gut ohne professionelle Kulturvermittler. Genauer gesagt existiert das Internet bis jetzt sogar sehr gut ohne Kulturinstitutionen. Deshalb glaube ich, dass man sich genauer die Mechanismen anschauen muss, die zur Verbreitung von Kultur im Web 2.0 beitragen. Wie in der realen Welt auch sind es meiner Meinung nach vor allem die Menschen die Kulturvermittlung betreiben. Die Eltern die ihre Kinder mit ins Museum nehmen, die Jugendlichen die gemeinsam zu einem Konzert gehen oder ins Kino gehen usw. Es gibt also einen sehr großen Bereich an nicht-institutionellen Kulturvermittlern. Ich kann mir vorstellen, dass diese Gruppe vor allem im Web 2.0 an Bedeutung gewonnen hat. Trotzdem ist sie eine Black Box. Wir wissen aus Sicht der Kulturvermittlung zu wenig darüber, haben aber den Vorteil, dass wir diese Mechanismen sehr gut im Web 2.0 beobachten können. Diese „unbekannten“ Kulturvermittler sind letztlich unsere Partner. Sie können zu einer Schnittstelle werden – dafür müssen wir sie aber verstehen und ernstnehmen.

Ich denke es wird notwendig sein, ein paar Begriffsdefinitionen zu schärfen. Wir werden zudem immer wieder versuchen müssen, unsere Theorien mit der Realität abzugleichen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir eine virtuelle Theoriewelt erzeugen, die im Gegensatz zu Computerspielen und Onlinecommunitys nicht betreten werden kann. Vielleicht sollten wir uns von zwei Polen aufeinander zu bewegen. Der eine Pol wäre die Theorie und vor allem die Geschichte und damit verbunden die Realität der Kulturvermittlung und der andere Pol wäre das gelebte Web 2.0, die gelebte Welt der Computerspiele und die Menschen die damit arbeiten und leben.

Abschließend möchte ich anmerken, dass ich mich sehr freue, dass wir einen Blog als Plattform gewählt haben. Meiner Meinung macht es keinen Sinn, über das Thema Web 2.0 zu reden, ohne es auch zu leben. Erst die Menschen die Teil des Web 2.0 geworden sind können verstehen um was es geht und dann entscheiden, ob dies für sie – sei es beruflich oder privat – sinnvoll ist oder nicht.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen

Christoph Deeg