Ist das Web 2.0 alles?

Lieber Christoph und liebe anderen,

erst mal bitte ich um Entschuldigung für mein langes Schweigen, was mit extremer beruflicher wie privater Überbelastung in den vergangenen Wochen zu tun hat, aber darüber hinaus für mich auch ein Indikator dafür ist, dass die Nutzung des Web 2.0 für mich keine selbstverständliche Kulturtechnik ist. Zwar beantworte ich täglich immer aktuell gut 100 Emails – das Hauptkommunikationsmedium meiner Generation und meiner Kollegen – ,, Facebook-/ Twitter- Kommunikation und Blog-Kommunikation gehören jedoch noch nicht als kommunikativer Standard dazu.
Das hat auch damit zu tun, dass es sich um ein öffentliches Medium handelt und ich gelernt habe, dass alles was ich veröffentliche, sehr gut durchdacht und von Qualität sein muss, nicht schnell, spontan und zwischendurch geschrieben. Das gleiche Problem herrscht in Kulturinstitutionen bezüglich ihrer Web 2.0 Kommunikation. Alles was unter dem Namen einer öffentlichen Institution veröffentlicht und damit „aktenkundig“ wird im Netz, muss abgesichert sein, um Ärger und Angriffe zu vermeiden. Spontanreaktionen einzelnen Mitarbeiter sind nicht möglich.
Auch ich glaube, Christoph, dass Deine Forderungen an die digitale Infrastruktur-Aufrüstung in den Kulturinstitutionen etwas überzogen sind, weil die digitale Kommunikation zwar eine neue, wertvolle, weil weniger hierarchische Art der Interaktion darstellt, letztlich aber nur eine von vielen Kommunikations- und Vermittlungsweisen ist. Alle anderen Kanäle und Formate laufen weiter und müssen ebenfalls bedient und professionalisiert werden. Zu überlegen ist dennoch, wie der spezifische Mehrwert der dialogischen Kunst- und Kulturvermittlung im Web 2.0 noch stärker herausgestellt werden kann: In welchen Bereichen der Vermittlung bietet das Netz etwas was die anderen Formate nicht schaffen ? Und wie können diese Prozesse der informellen Kulturellen Bildung durch professionelle Kulturvermittler am besten unterstützt werden?
Freue mich über Anregungen von Eurer Seite!
Beste Grüße

Birgit Mandel

Advertisements

Funktionen von Kulturvermittlung im Web 2.0

Willkommen, liebe Kulturvermittler und Kulturschaffende und vielleicht auch Kulturnutzer,

gemeinsam mit Christoph Deeg diskutiere ich seit einiger Zeit über die Veränderungen, die sich durch das Web 2.0 und die Computergames für die Vermittlung von Kunst und Kultur ergeben. Diese Diskussionen möchten wir nun auch öffentlich machen, um noch mehr unterschiedliche Perspektiven auf das Thema zu gewinnen. Als Start ein paar Überlegungen von mir zur Kulturvermittlung generell und möglichen Konsequenzen durch die digitalen Medien. Diese Überlegungen habe ich ausführlich als Printversion auch in den Kulturpolitischen Mitteilungen von Dezember 2010 (Heft 131, IV 2010) veröffentlicht. Das Heft hat das Schwerpunktthema „Netz.Macht.Kultur“ und ist zugleich Vorbereitung für den Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft zum gleichen Thema im Juni 2011. Norbert Sievers, der den Kongress vorbereitet, fragt in seiner Einführung zum Thema in diesem Heft: „Stehen wir an der Schwelle einer neuen digitalen Teilhabekultur, die der Amateurkultur neue Perspektiven eröffnet und die Grenzen zwischen E – und U-Kultur endgültig einreißt“ (Sievers, S. 44) Um dann jedoch kritisch zu fragen: „Wie viel Öffnung und Partizipation verträgt die Produktion und Rezeption der Kunst?“ (Sievers S. 45)

Ist das Internet eine neue Chance, die Ideen einer Kultur für alle und von allen endlich zu realisieren? Vermitteln sich Kunst und Kultur dort von selbst? Welche Bedeutung haben dann noch professionelle Kulturvermittler?

Sind die Schwellenängste vieler gegenüber der Nutzung kultureller Angebote im hierarchiefreien Raum des Internets aufgehoben? Kann man im Netz Menschen für Kunst und Kultur interessieren unabhängig von ihrem Herkunftsmilieu und ihrem Bildungsgrad?

Birgit Mandel: Kulturvermittlung im digitalen Zeitalter

Jahrzehntelang arbeiteten Kulturvermittler an der Mission, mehr Menschen mit Live-Kunstaufführungen, mit der Aura des Originals in Berührung zu bringen, mehr Menschen zu eigener sinnlicher Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischer Gestaltung zu animieren. Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind? Verlagert sie ihre Aktivitäten nun auch in diese Räume, spielt sie dort mit? Oder versucht sie, Menschen von den virtuellen Welten aus von der Attraktivität realer Kunst-Welten zu überzeugen?

Generelle Ziele von Kulturvermittlung

Kulturvermittlung hat ganz allgemein die Funktion, zwischen kultureller Produktion und Rezeption zu moderieren und zu eigener künstlerischer und kultureller Tätigkeit von Laien zu animieren.

Die Ziele der Kulturvermittlung sind – so hier die These – weitgehend unabhängig vom Medium, dem sie sich bedient.

Kulturvermittlung kann unterschiedliche Ziele fokussieren:

·     Marketingziele: Aufmerksamkeit für Kunst und Kultur schaffen, Imagegewinn, mehr Besucher generieren und mehr Einnahmen erzielen;

·     kunstorientierte Ziele: Kunst und kulturellem Erbe bestmöglich zur Geltung verhelfen;

·     bildungsorientierte Ziele: das Bildungspotential von Kunst und Kultur entfalten, um kulturelle Bildung als eine Schlüsselqualifikation bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu erhöhen;

·     kulturpolitische Ziele: Zugänge zu Kunst und öffentlichem kulturellem Leben für alle gesellschaftlichen Gruppen herstellen;

·     gesellschaftspolitische Ziele: Demokratische Prozesse befördern durch mündige Bürger, die über eine breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, innovativ denken und handeln können und sich an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beteiligen; durch interkulturelle Prozesse das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkünfte fördern.

Auftrittsformen, Ziele und Potentiale von Kulturvermittlung im Internet:

Wo tritt Kulturvermittlung derzeit im Internet bereits auf und mit welchen Zielen? Welche neuen Potentiale werden für die Kulturvermittlung sichtbar?

1. Vermittlung der Programme von Kulturinstitutionen im Sinne von Aufmerksamkeits-Management durch Internet-Marketing und -PR auf eigener Website, in Blogs und in sozialen Netzwerken

2. Vermittlung in Form der virtuellen Präsentation von real existierenden Kulturangeboten traditioneller Kulturinstitutionen im Netz

3. Vermittlung von allgemeinen Informationen über Kunst und Kultur durch unabhängige Foren

4. Interaktive Kulturvermittlung im Web 2.0 durch Computer Games und Virtuelle Welten

5. Kulturelle Selbstbildung der User im Netz unabhängig von Kulturvermittlung

Mögliche Funktionen professioneller Kulturvermittler im Netz:

Kulturvermittler sind dort weniger Kunstvermittler im direkten Sinne, sondern eher Informationsagenten, die Wissen über Kunst und Kultur im Netz  übersichtlich aufbereiten.

Kulturvermittler sind Entwickler von Spielen und neuen Formaten der Vermittlung, die ebenso unterhaltsame wie kulturell bildende Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglichen.

Kulturvermittler sind Schnittstellenmanager zwischen virtueller und realer Welt und zeigen gemeinsame Interessen auf. Kulturvermittler machen Lust auf Auseinandersetzungen mit Kunst und Kultur im realen Raum.

Kulturvermittler lernen von den Usern im Netz über deren ästhetische Ausdrucksformen und kulturelle Interessen und bringen diese in die Welt der Kunst- und Kulturinstitutionen ein.

Beste Grüße

 

Birgit Mandel