Kulturvermittlung und digitale Infrastruktur

Liebe Leser,

heute möchte ich ein weiteres Thema zur Diskussion stellen. In den letzten Beiträgen haben wir einen ersten thematischen Überblick geschaffen. Nun werden wir sicherlich versuchen müssen, die einzelnen Bereiche der Diskussion weiter zu führen. Zudem denke ich, dass es spannend wäre, wenn wir im Rahmen der Diskussion auch zu Ergebnissen, Forderungen oder Vorschlägen für die Gestaltung der Zukunft der Kulturvermittlung kommen würden.

Mit diesem Beitrag möchte ich ein paar Vorschläge zur digitalen Infrastruktur von Kulturinstitutionen entwickeln. Ich habe mich mit diesem Thema im Rahmen des 56. Kulturpolitischen Kolloquiums in Loccum beschäftigt. Dort sollten Birgit Mandel und ich eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema leiten und gestalten. Ich möchte im folgenden ein paar Gedanken aus dieser Arbeit formulieren:

Die Frage nach der digitalen Infrastruktur ist sehr wichtig. Nur bei einer funktionierenden und gut ausgebauten digitalen Infrastruktur sind die Kulturinstitutionen in der Lage, erfolgreiche und nachhaltige Angebote zur Kulturvermittlung im Internet zu entwickeln und zu realisieren. Ich zähle hierzu nicht nur die Hardware in Form von Internetzugängen etc. Vielmehr habe ich in diesem Fall auch den Ausbildungsstand der Mitarbeiter bezüglich Web 2.0 sowie die vorhandenen Arbeits- und Denkstrukturen beleuchtet.

Mir ist wichtig zu erwähnen, dass ich mit meinen Ideen auf keinen Fall behaupten möchte, dass es nicht schon einige spannende Projekte von Kulturinstitutionen im Web 2.0 gibt. Und natürlich gibt es Institutionen, die sehr wohl auf eine sehr gute digitale Infrastruktur zurückgreifen können. Mir ist ebenso bewusst, dass es viele Menschen aus Institutionen oder deren Umfeld gibt, die an dem Thema sehr interessiert sind. Trotzdem möchte ich meine Beobachtungen beschreiben und damit aufzeigen, an welchen Stellen m.E. Probleme vorhanden sind.

1. Technische Ausstattung
Viele Institutionen verfügen anscheinend nicht über eine ausreichende technische Ausstattung. Dazu gehören u.a.:

– veraltete Computersysteme
– zu langsamer Internetzugang
– kein freier Internetzugang
– kein freies WLAN für die Nutzer
– keine Möglichkeit, Add-ons für Browser wie den Firefox runterzuladen bzw. zu installieren

Dies sind aber letztlich die technischen Voraussetzungen, die die Kunden der Institutionen haben und nutzen. Ohne diese Ressourcen ist es schon technisch enorm schwer, ein aktiver Teil des Web 2.0 zu werden.

2. Aus- und Weiterbildung
Viele Institutionen verfügen anscheinend nicht über ausreichend ausgebildete Mitarbeiter im Bereich Social Media. Dies betrifft m.E. sowohl die technischen Kenntnisse z.B. wie erstellt man einen Blog oder einen Twitteraccount, als auch das Verstehen der dahinter stehenden Kultur bzw. Philosophie. (siehe die Erläuterungen in anderen Beiträgen in diesem Blog).

Das Problem betrifft m.E. sowohl die Weiterbildung der bereits vorhandenen als auch die Ausbildung zukünftiger Mitarbeiter.

3. Strukturen und Arbeitsweisen
Eine wesentlich Frage für die vorhandenen Kulturinstitutionen ist die, ob sie mit ihren Strukturen und Arbeitsweisen überhaupt in das sog. Web 2.0 passen. Es reicht natürlich nicht aus, einen Blog oder eine Facebookseite zu haben. Viele dieser Angebote scheitern, weil man nicht verstanden hat, wie man im Web 2.0 kommunizieren bzw. sich verhalten sollte um erfolgreich mit der Community einen Dialog zu beginnen.

Hierzu gehört z.B. der Verlust der Deutungshoheit für Inhalte. Ebenso wichtig ist das Umfeld der Institution. Es gibt viele Kulturinstitutionen, die sehr gerne im Web 2.0 aktiv werden möchten, die aber mit Problemen in ihrem Umfeld zu kämpfen haben. Ein Beispiel: Eine Bibliothek oder ein Museum darf nicht frei entscheiden, über was es im Web 2.0 berichten bzw. kommunizieren möchte. Der Träger möchte hier eine Kontrolle ausüben. Dies könnte z.B. bedeuten, dass eine Institution über bestimmte Themen gar nicht berichten darf, weil dies eine Aufgabe z.B. des Stadtmarketing ist. Es wurden mir auch Fälle berichtet, bei denen alle Beiträge inkl. Twitter vorab genehmigt werden mussten.

Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Mitarbeiter der Institutionen frei entscheiden dürfen, was sie im Web 2.0 tun. Natürlich ist es wichtig, eine klare Strategie zu haben und natürlich kann man sich gemeinsam überlegen, in welche Richtung die Onlineaktivitäten gehen sollen. Jedoch sollten m.E. die Mitarbeiter dann in der Lage sein, eigenverantwortlich zu kommunizieren.

4. Mangelnde Ressourcen
Neben der nicht ausreichenden technischen Ausstattung fehlt es vielen Institutionen zudem an weiteren Ressourcen. Das größte Problem ist, dass schon jetzt die Mitarbeiter sehr oft so viele Aufgaben haben, dass das Web 2.0 als weitere zusätzliche Aufgabe nicht bzw. nicht ausreichend bearbeitet werden kann. Dies hat m.E. auch damit zu tun, dass mit dem Beginn der Arbeit im Web 2.0 die anderen Kommunikationskanäle nicht geschlossen werden sollen. Es gibt eine Vielzahl an Kunden von Kulturinstitutionen, die nicht Teil des Web 2.0 sind, und die auf anderen Kanälen mit der jeweiligen Institution kommunizieren möchten. Natürlich dürfen diese Menschen nicht vergessen werden. Klar ist: Die Arbeit im Web 2.0 ist nicht kostenlos. Die Nutzung von Plattformen wie WordPress, Facebook, Twitter etc. mag kostenlos sein – es entstehen aber Kosten für Personal, technische Infrastruktur, Aus- und Weiterbildung etc.

5. Innovationsmanagement
Neben der Aufgabe, die Kulturinstitution in der Breite zu einem Teil des Web 2.0 werden zu lassen müssen wir m.E. auch darüber nachdenken, wie wir die Institutionen fit für ihre digitale Zukunft machen. Das Web 2.0 wie wir es heute kennen, wird nicht so bleiben. Im Gegenteil: Das moderne Internet entwickelt sich stetig und mit großer Geschwindigkeit weiter. Hinzu kommen optional neue Technologien wie virtuelle Welten oder das mobile Internet. Es wird m.E. in der Zukunft nicht ausreichen, auf Technologien zu reagieren. Vielmehr wird es notwendig sein, diese neuen Angebote aktiv zu gestalten. Deshalb wird ein funktionierendes Innovationsmanagement notwendig sein. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit den Technologien sondern auch um eventuell notwendige Umgestaltung der Institutionen.

In der Vorbereitung auf das Kolloquium in Loccum wurde ich auch gebeten, ein paar Thesen bezüglich der Frage zu formulieren, was meiner Meinung nach getan werden sollte, damit eine breite Nutzung der Möglichkeiten die sich mit dem Web 2.0 für die Zukunft der Kulturvermittlung ergeben, realisiert wird. Diese Vorschläge möchte ich nun zur Diskussion stellen:

  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten  alle Mitarbeiter in Kulturinstitutionen mit der digitalen Welt vertraut gemacht werden
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollte jede Kulturinstitution kostenloses WLAN für die Kunden anbieten
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Kulturinstitutionen zusammen mit weiteren Partnern Schulungsangebote im Bereich Web 2.0 für Ihre Kunden anbieten
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Institutionen einen eigenen, freien Internetzugang haben
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Studenten im Grundstudium ein Einführungsseminar zur Nutzung der digitalen Welt bekommen
  • Ab dem Jahr 2016 sollten keine neuen Mitarbeiter in öffentlichen Kulturinstitutionen eingestellt werden, die nicht über ein fundiertes Wissen zum Thema „digitale Welt“ verfügen
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Kulturinstitutionen mit aktiven digitalen Angeboten starten.
    • Keine reine PR-/Marketing-Aktivitäten
    • Keine reine Präsentation bzw. kein reines Verfügbarmachen der Inhalte (Beispiel: Buchdigitalisierung)
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten 20% aller digitalen Aktivitäten zusammen mit anderen Gruppen wie z.B. Unternehmen aus der Gamesindustrie entwickelt und realisiert werden
  • In den nächsten 3-5 Jahren sollten mindestens 25% aller Mittel für kulturelle Infrastruktur in die digitale Infrastruktur investiert werden
  • In den nächsten 5 Jahren sollten bundesweit Innovations-Labore für Kultur- und Bildungsinstitutionen entwickelt werden. Diese Labore (mindestens 20) haben u.a. die Aufgabe, Innovationsmanagement zu betreiben.
  • Bis zum Jahr 2014 sollte eine bundesweite Zukunftsstrategie für die Kultur- und Bildungsinstitutionen entwickelt werden, die die Institutionen in die Lage versetzt, auf zukünftige Herausforderungen (Web 3.0, virtuelle Welten etc.) nicht nur zu reagieren sondern diese aktiv zu gestalten.

Einige dieser Vorschläge mögen banal klingen. Sie sind aber das Ergebnis meiner Beobachtungen sowie vieler Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Institutionen. Mir ist auch bewusst, das einige dieser Vorschläge Geld kosten und teilweise u.a rechtliche Probleme gelöst werden müssen (Beispiel: illegale Nutzung eines offenen WLAN-Netzes). Zudem ist mir klar, dass einige Vorschläge über die Grenzen der Institutionen hinaus wirken, indem sie z.B. auch die Träger und/oder weitere Stakeholder betreffen.

Wir zu Beginn erwähnt möchte ich nicht behaupten, es gäbe keine interessanten und spannenden Projekte im Bereich der Kulturvermittlung im Internet bzw. in der digitalen Welt. Ich bin jedoch der Meinung, dass es aus unterschiedlichen Gründen zu wenig Aktivitäten sind. Die genannten Gründe für diese Situation sind sicherlich nicht die einzigen und ich würde mich freuen, wenn Ihr noch weitere Gründe aufzeigen würdet. Ebenso spannend wäre natürlich Eure Meinung zu meinen Vorschlägen zu erfahren.

Beste Grüße

Christoph Deeg

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Vermittlung digitaler Kultur im Web2.0

Liebe Leser,

heute möchte ich ein paar Gedanken zur Vermittlung digitaler Inhalte im Web 2.0 zur Diskussion stellen. Mir geht es dabei um die Frage, wie wir die Inhalte vermitteln, die entweder im Netz erstellt oder im Netz präsentiert zu werden – ohne das es dabei kooperierende Kulturinstitutionen gibt.

Was meine ich konkret?
Nehmen wir das Beispiel Video. Auf Plattformen wir Youtube kann jeder User eigene Videos hochladen und diese damit der gesamten Community zur Verfügung stellen. Der reine technische Zugang ist damit ermöglicht worden. Man kann auf die Videos z.B. via Twitter hinweisen, man kann sie in Webseiten, Blogs und Communitys einbinden etc. Dies wird m.E. bis jetzt nicht von professionellen Kulturvermittlern genutzt bzw. getan. Die Frage die sich mir nun stellt ist die, was dies für die Zukunft der Kulturvermittlung bedeutet?

Schauen wir nun auf die Bibliotheken. Für sie stellt sich die Frage, wie sie mit Inhalten/Informationen/Daten umgehen, die nicht mehr bei ihnen verortet sind. Oder als Frage ausgedrückt: Kann es sein, dass zum Bestand von Bibliotheken letztlich das gesamte Internet gehört? Und wenn ja, wie sollen sie damit umgehen?

Wenn Kulturvermittlung bedeutet, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Inhalten zusammen zu bringen, brauchen wir dann nicht Kulturvermittler, die dies auch ausschließlich mit dem Internet bzw. mit den Onlineinhalten tun? Oder können das die vorhandenen Institutionen leisten? Oder braucht die Community gar keine Kulturvermittler denn die vorhandenen Strukturen sorgen für eine – vielleicht sogar demokratischere – Verbreitung?

Kulturinstitutionen definieren sich in der Regel über Ihren Bestand (Museen, Archive, Bibliotheken) oder über andere kulturelle Inhalte (Theater, Opernhäuser etc.) Kann es aber Kulturvermittler geben, die selber ohne diese Anbindung existieren und deren Basis letzte nur ein Thema z.B. „Oper online“ ist?

Ich freue mich sehr auf Eure Diskussionsbeiträge

Christoph Deeg

Wo findet Kultur statt und wer bildet Kulturvermittler aus?

Liebe Leser,

wie bereits in einem anderen Post geschrieben, werden Birgit und ich zu bestimmten Themen in der Diskussion neue Artikel schreiben. Dies tun wir, da wir sonst eine unübersichtliche Menge an Kommentaren aber nur sehr wenige Artikel haben. In diesem Artikel beziehe ich mich auf zwei Kommentare von Birgit und einen von Christian Henner-Fehr. Beide erwähnen, dass das Web als solches nicht automatisch dafür sorgt, dass sich Menschen mit verschiedenen kulturellen Inhalten befassen. Es sei eher vergleichbar mit einer Leinwand, die man nun gestalten könne und müsse. Zudem hofft Birgit, dass die Institutionen die Kulturmanager und Kulturvermittler ausbilden, dies auch in der Zukunft tun werden, und dass sie sich dafür an die neuen Aufgabenstellungen anpassen müssen. Ich möchte nun auf beide Punkte eingehen.

Zu 1: Ich kann dem Gedanken, dass das Web vergleichbar mit einer Leinwand ist nur zustimmen. Allerdings würde ich daraus eine Verantwortung der Kulturinstitutionen ableiten, diese Leinwand zusammen mit allen anderen Menschen aktiv zu gestalten. Wenn wir dies akzeptieren bzw. erreichen wollen, dann müssen wir meiner Meinung nach das Web nicht als externe Plattform außerhalb der Kultur und ihrer Institutionen, sondern als festen Teil quasi als virtuelle Erweiterung der Institutionen verstehen. Betrachten wir das Web als Raum, der den physischen Raum der Institution erweitert, ergeben sich neue Möglichkeiten bzw. neue Aufgaben. Es geht dann – wie schon erwähnt – nicht mehr primär darum, durch die Onlineaktivitäten neue Besucher im realen Raum zu generieren. Es geht dann vielmehr darum, Menschen mit den kulturellen Inhalten zusammen zu bringen. Egal ob dies im physischen oder im virtuellen Raum geschieht.

Zudem stellt sich die Frage, ob die Internetnutzer diese strikte Trennung zwischen real und virtuell überhaupt erleben. Ein Beispiel: Ein Museum mag davon ausgehen, dass ein bestimmtes Bild am besten real erlebt werden sollte. Eine virtuelle Kopie könne nie das reale Erlebnis ersetzen. Ich stimme dem gerne zu. Das reale Erlebnis in einem realen Museum kann nicht durch ein virtuelles Erlebnis ersetzt werden. Es ist aber auch umgekehrt so, dass das reale nicht das virtuelle Erlebnis ersetzen kann. Die Aufgabe des Kulturvermittlers in der Zukunft ist es meiner Meinung nach, beides zu ermöglichen bzw. mit beiden Plattformen zu spielen. Es geht also nicht um ein „Entweder oder“ sondern um ein „sowohl als auch“.

Zu 2. Ich hoffe auch, dass die Institutionen, die Kulturvermittler und Kulturmanager ausbilden, dies auch in Zukunft tun. Ich bin allerdings skeptisch, ob die Institutionen den Kulturvermittler 2.0 wollen bzw. darauf vorbereitet sind. Ich habe zudem den Eindruck bzw. die Sorge, dass dieses Thema nicht ernst genommen wird. Ein Grund könnte sein, dass sich hierfür die Bildungsinstitutionen selber ändern müssten. Anders ausgedrückt: die Bildungsinstitutionen sind meiner Meinung nach nicht mit dem Web kompatibel – auch wenn Sie nun Facebookseiten haben oder twittern. Dies soll kein Vorwurf sein und ich behaupte auch nicht, dass hier gar nichts passiert. Aber ich bin der Meinung, das die vorhandenen Aktivitäten nicht ausreichen. Wenn meine Einschätzung richtig ist, haben wir ein sehr großes Problem, denn es werden nun Menschen ausgebildet, die die Kulturvermittlung der nächsten 20-30 Jahre prägen sollen und werden. Es geht dabei gar nicht alleine um die Themen Web 2.0 oder Computergames sondern vielmehr um eine große Zahl weiterer Themen die direkt und indirekt damit zusammenhängen.

Es ergeben sich meiner Meinung nach zwei Fragen:

1. Sind die Bildungsinstitutionen in der Lage und Willens, den Kulturvermittler 2.0 auszubilden?

2. Verfügen die Kulturinstitutionen überhaupt über die notwendige Infrastruktur und wie sollte zudem diese Infrastruktur aussehen?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Eine Frage an unsere Leser!

Liebe Leser,

zuerst möchten Birgit und ich erwähnen, dass wir uns sehr über die vielen Leser und Kommentare auf unserem noch jungen Blog freuen. Wir haben damit nicht gerechnet. In den letzten Tagen haben wir uns ein paar Gedanken zum Aufbau des Blogs gemacht. Wir haben die Befürchtung, dass wir letztlich auf Basis der zwei vorhandenen Artikel mit Kommentaren diskutieren werden. Das ist grundsätzlich natürlich so gedacht. Es kann aber bedeuten, dass wir keine neuen Artikel schreiben, da wir ja immer auf den Gedanken des anderen reagieren. Deshalb haben wir uns überlegt, ob es sinnvoll wäre, wenn zumindest Birgit und ich unsere Gedanken immer als neuen Artikel posten? Was denkt Ihr darüber? Würde dies die Diskussion vereinfachen oder erschweren?

Wir freuen uns auf Eure Meinungen!!

Beste Grüße

Birgit und Christoph

Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Liebe Leser,

auch ich möchte Euch alle auf diesem Blog willkommen heißen und ich hoffe, dass wir auf dieser Plattform gemeinsam über das Thema Kulturvermittlung diskutieren werden. Vor allem würde ich mich freuen, wenn wir sehr viele Menschen erreichen können, die nicht Kulturvermittler sondern Kunden bzw. Nutzer sind.

Mit diesem Beitrag möchte ich ein paar erste Gedanken zum Thema Kulturvermittlung im Web 2.0 aufschreiben. Dabei geht es mir weniger um Vollständigkeit bezüglich aller relevanten Themen, als vielmehr darum, einen Startpunkt zu setzen, von dem ich in der Zukunft aus argumentieren kann. Einiges von den folgenden Gedanken wird für „Web 2.0-Profis“ nichts Neues sein. Ich denke aber, dass wir eine Diskussion führen sollten, die jeden Interessierten mit nimmt – ohne ihn zu zwingen, sich zuerst Spezialwissen anzueignen. Ansonsten kann das passieren, was ich in letzter Zeit auch auf vielen Konferenzen beobachten konnte: Eine immer gleiche Gruppe von Menschen redet über vergleichbare Themen und vergisst dabei diejenigen, die mit der Arbeit im Web 2.0 erst starten…

Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Wenn man Teil des Netzwerkes Facebook ist, kann man in den Profileinstellungen den aktuellen Beziehungstatus eingeben. Neben den klassischen Einstellungen wie „Single“ oder „In einer Beziehung“ kann man auch „Es ist kompliziert“ eingeben. Warum man dies kann bzw. was man damit erreichen will weiß ich nicht. Ich denke aber, dass mit „es ist kompliziert“ auch die Beziehung der Kulturvermittlung zum Web 2.0 beschrieben werden kann – warum ist das so?

Was bedeutet Web 2.0?
Sicherlich ist es keine neue Erkenntnis, wenn man behauptet, dass das Internet in zunehmendem Maße unsere Gesellschaft verändert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir bezüglich des Web 2.0 den Begriff Gesellschaft nutzen sollten. Sehr oft wird der Fehler gemacht, das Internet oder das Web 2.0 als Technologie zu diskutieren. Und natürlich haben wir es online mit Technologien zu tun. Wenn man aber nun über das Internet als Technologie diskutiert, vergisst man den wesentlichen Aspekt: die Menschen bzw. die User. Das Web 2.0 ist vergleichbar mit einem Fußballstadion. Der Ort an sich, das Gebäude, der Rasen etc., dies alles ist letztlich bedeutungslos. Was das Fußballstadion so interessant macht sind die Menschen, die in ihm Fußball erleben, also die Mannschaften, Betreuer, Trainer, Zuschauer, Sicherheitskräfte, Würstchenverkäufer etc. Sie alle erfüllen das Stadion mit Leben. Und selbst wenn Sie ein Fußballstadion an einem Tag besuchen, an dem es kein Spiel gibt – sie verbinden es immer mit dem Spiel und den Menschen.

Mit dem modernen Internet verhält es sich meiner Meinung nach genauso. Das Internet an sich, die Plattformen haben nur deshalb eine Bedeutung, weil sie von Millionen von Menschen genutzt werden. Und diese Menschen nutzen das Internet auf unterschiedliche Art und Weise. Ich kann über das Internet wissenschaftliche Informationen austauschen oder mich zum Kaffee verabreden. Ich kann über eine vermeindlich wichtige Begebenheit schreiben oder über die Tatsache, dass ich gerade einen Döner esse. Alle diese Inhalte haben grundsätzlich die gleiche Bedeutung und die gleiche Wertigkeit. Ich als User entscheide, welche Information für mich bedeutender ist. Das bedeutet für die Kulturvermittlung, dass sie sich als Teil dieses Gesamtsystems verstehen bzw. ein Teil davon werden muss. Sie hat im Web 2.0 per definitionem keine Sonderstellung – so wie auch Kulturinstitutionen keine Sonderstellung im Netz haben. Sie können bedeutend werden – dies aber nur durch ihre Aktivitäten und Inhalte. Sie beginnen quasi bei 0.

Technologie vs. Kultur
Wenn es also nicht um Technologie geht, um was geht es dann? Ich habe in meinem Kommentar zu Birgits erstem Beitrag bereits geschrieben, dass das Entscheidende die Kultur hinter der Technologie ist. Das Web 2.0 ist m.E. eine eigene Kulturform geworden und diese Kultur basiert auf Kooperation, Offenheit, Transparenz, Interaktion, Teilen etc. Kulturvermittlung im Web 2.0 kann nur funktionieren, wenn sie diese Regeln beherzigt. Und dies hat tiefgreifende Konsequenzen. Es bedeutet z.B. dass sich Kulturvermittler überlegen müssen ob ihre Strukturen und Arbeitsweisen mit dem Web 2.0 kompatibel sind. Ich kann nicht im Internet versuchen, offen, kooperativ und transparent zu sein, wenn meine eigene Denk-, Organisations- und Arbeitsstruktur dies nicht zulässt bzw. ich es nicht selber will.

Kommunikation 1.0 vs. Kommunikation 2.0
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Veränderung der Kommunikation im Web 2.0. Alle bisher bekannten Medienformen ja sogar sehr viele Formen in der realen Welt basieren auf dem klassischen Modell des Senders und Empfängers. Der eine sendet eine Information und der andere empfängt sie. Auch dies verändert sich im Web 2.0, denn der Sender wird zum Empfänger und umgekehrt. Für die Kulturvermittlung bedeutet dies, dass sie also nicht mehr nur vermittelt sondern auch lernt und zuhört. Kulturvermittlung im Web 2.0 bedeutet weniger Vermittlung als vielmehr Dialog auf Augenhöhe. Dies bedeutet letztlich, dass die Deutungshoheit über Werke und Inhalte in Frage gestellt wird. Auch die immer noch vorhandene willkürliche Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur ist im Web 2.0 nicht mehr haltbar. Es sollte also überlegt werden, diese Trennung auch in der realen Welt abzuschaffen. Grundsätzlich sollte aber klar sein: Das Web 2.0 ist nicht kulturlos. Es ist also nicht so, dass Kulturvermittler die Kultur ins Internet bringen.

Die Black-Box Kulturvermittlung?
Bei allen Diskussionen über Kulturvermittlung erscheint es mir sinnvoll genauer zu beschreiben, wer mit dem Begriff Kulturvermittler wirklich gemeint ist? Meinen wir damit nur den professionellen Kulturvermittler? Dies wäre m.E. gefährlich. Dass Internet ist wie schon gesagt nicht kulturlos und „es lebt“ Kultur ja Kulturen ganz gut ohne professionelle Kulturvermittler. Genauer gesagt existiert das Internet bis jetzt sogar sehr gut ohne Kulturinstitutionen. Deshalb glaube ich, dass man sich genauer die Mechanismen anschauen muss, die zur Verbreitung von Kultur im Web 2.0 beitragen. Wie in der realen Welt auch sind es meiner Meinung nach vor allem die Menschen die Kulturvermittlung betreiben. Die Eltern die ihre Kinder mit ins Museum nehmen, die Jugendlichen die gemeinsam zu einem Konzert gehen oder ins Kino gehen usw. Es gibt also einen sehr großen Bereich an nicht-institutionellen Kulturvermittlern. Ich kann mir vorstellen, dass diese Gruppe vor allem im Web 2.0 an Bedeutung gewonnen hat. Trotzdem ist sie eine Black Box. Wir wissen aus Sicht der Kulturvermittlung zu wenig darüber, haben aber den Vorteil, dass wir diese Mechanismen sehr gut im Web 2.0 beobachten können. Diese „unbekannten“ Kulturvermittler sind letztlich unsere Partner. Sie können zu einer Schnittstelle werden – dafür müssen wir sie aber verstehen und ernstnehmen.

Ich denke es wird notwendig sein, ein paar Begriffsdefinitionen zu schärfen. Wir werden zudem immer wieder versuchen müssen, unsere Theorien mit der Realität abzugleichen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir eine virtuelle Theoriewelt erzeugen, die im Gegensatz zu Computerspielen und Onlinecommunitys nicht betreten werden kann. Vielleicht sollten wir uns von zwei Polen aufeinander zu bewegen. Der eine Pol wäre die Theorie und vor allem die Geschichte und damit verbunden die Realität der Kulturvermittlung und der andere Pol wäre das gelebte Web 2.0, die gelebte Welt der Computerspiele und die Menschen die damit arbeiten und leben.

Abschließend möchte ich anmerken, dass ich mich sehr freue, dass wir einen Blog als Plattform gewählt haben. Meiner Meinung macht es keinen Sinn, über das Thema Web 2.0 zu reden, ohne es auch zu leben. Erst die Menschen die Teil des Web 2.0 geworden sind können verstehen um was es geht und dann entscheiden, ob dies für sie – sei es beruflich oder privat – sinnvoll ist oder nicht.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen

Christoph Deeg