Ich versuche zusammenzufassen

Liebe Alle,

Also, ich versuche mal zusammen zu fassen, was wir bisher diskutiert haben:

Nicht die Technologie Internet macht die neue Kultur des Netzes aus, sondern die Art der Kommunikation, die das Internet ermöglicht: nicht hierarchisch, direkt und dialogisch, viele können mit vielen reden, Aufmerksamkeit schaffen durch die Kraft vieler denen etwas gefällt, die etwas bemerkenswert und relevant finden und darum darüber reden.

Der frühere „alte Typus des (institutionell verorteten) Kulturvermittlers“ hatte/hat die Aufgabe, die Interessen einer bestimmten Institution zu vertreten, für diese positive Aufmerksamkeit zu schaffen (PR), sowie die dort angebotenen künstlerischen und kulturellen Inhalte gemäß des fachspezifischen Kanons und der fachspezifischen Inhalte zu präsentieren und verständlich zu machen mehr oder weniger monologisch und aus der Position des Wissenden an die Unwissenden.

Der „neue Typus des Kulturvermittlers“ der v.a. über das Medium Internet agiert, würde weniger im Auftrag  einer bestimmten Institution handeln (selbst wenn er dort angestellt ist), sondern würde statt der Mikroperspektive der eigenen Institution eine gesellschaftliche Makroperspektive einnehmen.  Er würde die Relevanz ebenso wie die Akzeptanz von Kunst und Kultur für verschiedene gesellschaftliche Gruppen betrachten und wäre bereit, diese immer neu zu verhandeln.  Es geht ihm darum, über Kunst und ihre Bedeutung für verschiedene Menschen und Gruppen zu verhandeln und nicht darum, eine Kunstinstitution und ihre Produkte zu behaupten und zu verkaufen. Christian, Du hast in verschiedenen Artikeln darauf hingewiesen, dass Kulturschaffende im Netz nur erfolgreich sein können, wenn sie bereit sind, für die Nutzer spannende Inhalte zur Diskussion zu stellen statt Werbung für eine Institution zu posten.

Für mich die interessante Frage ist,  ob mit dem Internet Kunst und Kultur einen höheren Stellenwert für alle Gruppen der Gesellschaft erhalten, wenn die traditionellen Gatekeeper und institutionellen Barrieren wegfallen? Erweiterte sich damit der Kulturbegriff in der Gesellschaft (der in Deutschland immer noch sehr konservativ an der Hochkultur ausgerichtet ist, die gleichzeitig im Leben von 90% der Bevölkerung keinerlei Bedeutung hat)? Ist das Netz der Raum von „Kultur für alle und von allen“? Wie gestaltet sich diese konkret, welche Art von eigener Kultur wird geschaffen, wie finden kulturelle Bildungsprozesse dort statt?

Und: wird die Macht des Internets möglicherweise dazu beitragen, dass auch außerhalb des Netzes neue, andere Live-Kulturprojekte und –orte entstehen und traditionelle Institutionen eingehen werden?

Bin gespannt auf Eure Ideen dazu!

Herzliche Grüße,

Birgit Mandel

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8 Kommentare

  1. Liebe Brigit,

    ich finde Deine Fragestellung sehr spannend. Ich werde in meinem nächsten Beitrag darauf eingehen. Hier möchte ich aber basierend auf Deinen Fragen, noch ein paar weitere hinzufügen:

    1. Wissen wir eigentlich, welchen Stellenwert Kunst und Kultur in der Gesellschaft hat? Woran machen wir das fest? Wenn wir Menschen zu Kunst und Kultur fragen, fragen wir dann auch nach Computergames? Oder nach Youtubevideos? Welchen Kulturbegriff meinen wir genau?

    2. Wenn wir Kulturvermittler haben, die auch Onlineinhalte finden, diskutieren und vermitteln – wie gehen wir damit um, dass damit eine parallele Struktur zu kommerziellen Anbietern entsteht? Ein Beispiel: Wenn ein Kulturvermittler in der Zukunft Menschen mit virtuellen Welten zusammenbringt, die kommerzielle Angebote sind, entsteht dann nicht eine Parallelität?

    3. Wer bildet diesen Kulturvermittler der Zukunft aus?

    4. Ist es sinnvoll, weiterhin gedanklich das reale vom virtuellen zu trennen? Zu meiner Realität gehört die Oper genauso wie das Schreiben auf diesem Blog.

    Was denken die anderen Leser?

    Beste Grüße

    Christoph Deeg

    Antwort
    • mandelbirgit

       /  Februar 6, 2011

      Lieber Christoph,
      zu Deiner ersten Frage, ob wir wissen, welchen Stellenwert Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft haben: Wir wissen dank diverser Bevölkerungsbefragungen v.a. des Zentrums für Kulturforschung ziemlich genau, welchen Stellenwert Hochkulturangebote haben, nämlich einen extrem niedrigen. Sie werden nur von ca. 8% der zumeist akademisch gebildeten Bevölkerung regelmäßig genutzt. Wenig wissen wir jedoch über die Nutzung anderer kultureller Angebote. Von der Games-Industrie wurden in letzter Zeit Zahlen herausgegeben, nach denen, so weit ich erinnere, fast 1/3 der Bevölkerung Computerspiele nutzen. Wir bräuchten also dringend eine neue Bevölkerungsstudie, die einen sehr viel breiteren Kulturbegriff abfragt.
      Auf 2 weiß ich noch keine Antwort.
      Zur dritten Frage nach der Ausbildung kann ich als jemand die seit über 20 Jahren Kulturvermittler ausbildet, nur hoffen, dass die akademischen Studiengänge auch zukünftig mit im Boot sind und wir als Ausbildungsstätte unseren Kulturbegriff und unsere Kompetenzen auf dem Gebiet der digitalen Kultur deutlich erweitern.
      Zu Deiner vierten Frage: es ist aus meiner Sicht nur bedingt sinnvoll, zwischen realen und virtuellen Angeboten zu trennen, da die Nutzer beides wahrnehmen. Dennoch gibt es sicherlich Unterschiede in der Art der Rezeption.
      Vielleicht wissen andere Blog-Nutzer differenziertere Antworten auf diese Fragen?
      Beste Grüße,
      Birgit

      Antwort
  2. @Birgit Mandel: die Gegenüberstellung des neuen und des alten Typus von Kulturvermittlers gefällt mir recht gut, denn er stellt sich dadurch in den Dienst der Sache und nicht der Institution. Die Frage, ob sich durch den Wegfall der Gatekeeper (strenggenommen existieren sie noch, sie werden nur oftmals umgangen)und der institutionellen Barrieren der Stellenwert von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft erhöht, kann ich nicht wirklich beantworten. Die Entwicklung kann in beide Richtungen gehen, zu bedenken ist aber, dass unser Verständnis von „besser“ und „schlechter“ nicht dem Verständnis einer sich herausbildenden Mehrheit entspricht. D.h. auch wenn eine Mehrheit glücklich über eine stattfindende Entwicklung ist, wären wir trotzdem enttäuscht, weil sie nicht unseren Erwartungen und Vorstellungen entspricht.

    Der Kulturbegriff kann sich, denke ich, durchaus erweitern, nicht alle aber werden mit dieser Entwicklung zufrieden sein. Für die ist dann meiner Meinung nach das Internet nur indirekt verantwortlich, denn dahinter verbirgt sich lediglich eine Infrastruktur, die uns in der Kommunikation das rasche Überwinden von Zeit und Raum ermöglicht. Die Grundprinzipien der Kmmunikation bleiben aber erhalten. Wie früher erzählen wir unserem Umfeld, dass uns ein Film gut gefallen hat. Während wir das in der Vergangenheit am nächsten Morgen in der Schule oder an der Uni gemacht haben, geht das heute via Facebook oder Twitter direkt aus dem Kinosaal heraus, bei einer viel größeren Reichweite.

    An die Kultur für alle und von allen glaube ich dabei nur bedingt. Das würde voraussetzen, dass sich auch alle an dem, was im Internet möglich ist, aktiv beteiligen. Das ist aber nicht der Fall, auch im Social Web gilt, dass 90% der UserInnen völlig passiv die ihnen angebotenen Inhalte konsumieren, womit wir in der Sache eigentlich noch nicht sehr viel weiter gekommen sind.

    Antwort
    • mandelbirgit

       /  Februar 6, 2011

      Deiner Beobachtung nach bietet das Internet zwar effektivere, schnellere und weniger hierarchische Kommunikationsmöglichkeiten, sorgt aber noch nicht per se dafür, dass Menschen dort Kultur selbst gestalten, aktiv und kreativ sind bzw. dort Zugänge zu neuen, vielfältigen Kunst- und Kulturformen gewinnen. Dafür bräuchte es dann im Netz genauso Mittler wie im Live-Kulturleben. Was meinst Du dazu, Christoph?

      Antwort
  3. @birgitmandel: oder anders ausgedrückt: das Web ist per se kein Motivator, um mit der Kunstproduktion zu beginnen. Es ist, bildlich gesprochen, nur so etwas wie die Leinwand. Die Motivation, diese Leinwand zu bemalen, muss aber woanders herkommen.

    Antwort
  4. ist das web in dem fall tatsächlich wie eine leinwand, auf der man nur anfangen muss zu malen? was sind denn überhaupt die inhalte, die im www generiert werden können? geht es hier gerade um die frage, wo und wie kann digitale kunst produziert werden oder um die frage nach der vermittlung durch social media: was kann, wenn digital, überhaupt vermittelt werden? das sind doch schon zwei verschiedene sachen: vermittlung als kunst(produktion), wie man es vielleicht eher aus england kennt, ist ja auch im analogen bereich hier noch eher selten. und dann erst im digitalen? oder bin ich auf ner falschen fährte? versuche gerade nur, mich ein bisschen einzumischen, finde eure diskussion sehr interessant, schreibe gerade meinen master dazu und frage mich momentan, von welchen inhalten wir bei vermittlung durch social media überhaupt ausgehen können… und bin noch nicht wirklich zu nem befriedigenden ergebnis gekommen. aber ich höre sehr gerne weiter zu – nicht nur *).

    Antwort
    • Hallo Bettina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir „hoffen“ auf viele Menschen, die sich einmischen und mitdenken. Jede Idee ist willkommen. Ich persönlich glaube, dass das Web wirklich eine Leinwand ist auf der man nur anfangen muss zu malen. Wobei das sicherlich einfacher klingt als es ist. Denn wenn wir online aktiv sind, möchten wir ja auch etwas damit erreichen – und wenn es schlicht Aufmerksamkeit ist. Ich glaube, dass letztlich alles vermittelt werden kann, d.h. jeder künstlerische Inhalt ist m.E. im Netz vermittelbar – bleibt die Frage wie:-)

      Ich glaube, dass es sowohl um „Onlinekunst“ – also Kunst die online bzw. digital entsteht – als auch „Offlinekunst“ – also Kunst die in der sog. realen Welt existiert – gehen sollte. Die von Dir angesprochene Vermittlung als Kunstproduktion ist m.E. eine Art Schnittstelle von der man sehr viel lernen kann. Fallen Dir ein paar passenden Beispiele ein? Ich persönlich sehe auch die Computergames als sehr wichtige Plattformen für die Kulturvermittlung der Zukunft an. Sie sind zum Einen selber Kunst also kultureller Inhalt und können zum Anderen Vermittlungsplattform für kulturelle Inhalte sein. Beiden Ansätzen gemein ist das Phänomen Computerspiel, welches z.B. völlig neue Formen der Erschließung kultureller Inhalte ermöglichen kann.

      Ganz liebe Grüße und ich hoffe Du mischt Dich weiter ein:-)

      Christoph

      Antwort
  1. Wo findet Kultur statt und wer bildet Kulturvermittler aus? « zukunftkulturvermittlung

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