Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Liebe Leser,

auch ich möchte Euch alle auf diesem Blog willkommen heißen und ich hoffe, dass wir auf dieser Plattform gemeinsam über das Thema Kulturvermittlung diskutieren werden. Vor allem würde ich mich freuen, wenn wir sehr viele Menschen erreichen können, die nicht Kulturvermittler sondern Kunden bzw. Nutzer sind.

Mit diesem Beitrag möchte ich ein paar erste Gedanken zum Thema Kulturvermittlung im Web 2.0 aufschreiben. Dabei geht es mir weniger um Vollständigkeit bezüglich aller relevanten Themen, als vielmehr darum, einen Startpunkt zu setzen, von dem ich in der Zukunft aus argumentieren kann. Einiges von den folgenden Gedanken wird für „Web 2.0-Profis“ nichts Neues sein. Ich denke aber, dass wir eine Diskussion führen sollten, die jeden Interessierten mit nimmt – ohne ihn zu zwingen, sich zuerst Spezialwissen anzueignen. Ansonsten kann das passieren, was ich in letzter Zeit auch auf vielen Konferenzen beobachten konnte: Eine immer gleiche Gruppe von Menschen redet über vergleichbare Themen und vergisst dabei diejenigen, die mit der Arbeit im Web 2.0 erst starten…

Gedanken zur Funktion und Nutzung von Kulturvermittlung im Web 2.0

Wenn man Teil des Netzwerkes Facebook ist, kann man in den Profileinstellungen den aktuellen Beziehungstatus eingeben. Neben den klassischen Einstellungen wie „Single“ oder „In einer Beziehung“ kann man auch „Es ist kompliziert“ eingeben. Warum man dies kann bzw. was man damit erreichen will weiß ich nicht. Ich denke aber, dass mit „es ist kompliziert“ auch die Beziehung der Kulturvermittlung zum Web 2.0 beschrieben werden kann – warum ist das so?

Was bedeutet Web 2.0?
Sicherlich ist es keine neue Erkenntnis, wenn man behauptet, dass das Internet in zunehmendem Maße unsere Gesellschaft verändert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir bezüglich des Web 2.0 den Begriff Gesellschaft nutzen sollten. Sehr oft wird der Fehler gemacht, das Internet oder das Web 2.0 als Technologie zu diskutieren. Und natürlich haben wir es online mit Technologien zu tun. Wenn man aber nun über das Internet als Technologie diskutiert, vergisst man den wesentlichen Aspekt: die Menschen bzw. die User. Das Web 2.0 ist vergleichbar mit einem Fußballstadion. Der Ort an sich, das Gebäude, der Rasen etc., dies alles ist letztlich bedeutungslos. Was das Fußballstadion so interessant macht sind die Menschen, die in ihm Fußball erleben, also die Mannschaften, Betreuer, Trainer, Zuschauer, Sicherheitskräfte, Würstchenverkäufer etc. Sie alle erfüllen das Stadion mit Leben. Und selbst wenn Sie ein Fußballstadion an einem Tag besuchen, an dem es kein Spiel gibt – sie verbinden es immer mit dem Spiel und den Menschen.

Mit dem modernen Internet verhält es sich meiner Meinung nach genauso. Das Internet an sich, die Plattformen haben nur deshalb eine Bedeutung, weil sie von Millionen von Menschen genutzt werden. Und diese Menschen nutzen das Internet auf unterschiedliche Art und Weise. Ich kann über das Internet wissenschaftliche Informationen austauschen oder mich zum Kaffee verabreden. Ich kann über eine vermeindlich wichtige Begebenheit schreiben oder über die Tatsache, dass ich gerade einen Döner esse. Alle diese Inhalte haben grundsätzlich die gleiche Bedeutung und die gleiche Wertigkeit. Ich als User entscheide, welche Information für mich bedeutender ist. Das bedeutet für die Kulturvermittlung, dass sie sich als Teil dieses Gesamtsystems verstehen bzw. ein Teil davon werden muss. Sie hat im Web 2.0 per definitionem keine Sonderstellung – so wie auch Kulturinstitutionen keine Sonderstellung im Netz haben. Sie können bedeutend werden – dies aber nur durch ihre Aktivitäten und Inhalte. Sie beginnen quasi bei 0.

Technologie vs. Kultur
Wenn es also nicht um Technologie geht, um was geht es dann? Ich habe in meinem Kommentar zu Birgits erstem Beitrag bereits geschrieben, dass das Entscheidende die Kultur hinter der Technologie ist. Das Web 2.0 ist m.E. eine eigene Kulturform geworden und diese Kultur basiert auf Kooperation, Offenheit, Transparenz, Interaktion, Teilen etc. Kulturvermittlung im Web 2.0 kann nur funktionieren, wenn sie diese Regeln beherzigt. Und dies hat tiefgreifende Konsequenzen. Es bedeutet z.B. dass sich Kulturvermittler überlegen müssen ob ihre Strukturen und Arbeitsweisen mit dem Web 2.0 kompatibel sind. Ich kann nicht im Internet versuchen, offen, kooperativ und transparent zu sein, wenn meine eigene Denk-, Organisations- und Arbeitsstruktur dies nicht zulässt bzw. ich es nicht selber will.

Kommunikation 1.0 vs. Kommunikation 2.0
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Veränderung der Kommunikation im Web 2.0. Alle bisher bekannten Medienformen ja sogar sehr viele Formen in der realen Welt basieren auf dem klassischen Modell des Senders und Empfängers. Der eine sendet eine Information und der andere empfängt sie. Auch dies verändert sich im Web 2.0, denn der Sender wird zum Empfänger und umgekehrt. Für die Kulturvermittlung bedeutet dies, dass sie also nicht mehr nur vermittelt sondern auch lernt und zuhört. Kulturvermittlung im Web 2.0 bedeutet weniger Vermittlung als vielmehr Dialog auf Augenhöhe. Dies bedeutet letztlich, dass die Deutungshoheit über Werke und Inhalte in Frage gestellt wird. Auch die immer noch vorhandene willkürliche Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur ist im Web 2.0 nicht mehr haltbar. Es sollte also überlegt werden, diese Trennung auch in der realen Welt abzuschaffen. Grundsätzlich sollte aber klar sein: Das Web 2.0 ist nicht kulturlos. Es ist also nicht so, dass Kulturvermittler die Kultur ins Internet bringen.

Die Black-Box Kulturvermittlung?
Bei allen Diskussionen über Kulturvermittlung erscheint es mir sinnvoll genauer zu beschreiben, wer mit dem Begriff Kulturvermittler wirklich gemeint ist? Meinen wir damit nur den professionellen Kulturvermittler? Dies wäre m.E. gefährlich. Dass Internet ist wie schon gesagt nicht kulturlos und „es lebt“ Kultur ja Kulturen ganz gut ohne professionelle Kulturvermittler. Genauer gesagt existiert das Internet bis jetzt sogar sehr gut ohne Kulturinstitutionen. Deshalb glaube ich, dass man sich genauer die Mechanismen anschauen muss, die zur Verbreitung von Kultur im Web 2.0 beitragen. Wie in der realen Welt auch sind es meiner Meinung nach vor allem die Menschen die Kulturvermittlung betreiben. Die Eltern die ihre Kinder mit ins Museum nehmen, die Jugendlichen die gemeinsam zu einem Konzert gehen oder ins Kino gehen usw. Es gibt also einen sehr großen Bereich an nicht-institutionellen Kulturvermittlern. Ich kann mir vorstellen, dass diese Gruppe vor allem im Web 2.0 an Bedeutung gewonnen hat. Trotzdem ist sie eine Black Box. Wir wissen aus Sicht der Kulturvermittlung zu wenig darüber, haben aber den Vorteil, dass wir diese Mechanismen sehr gut im Web 2.0 beobachten können. Diese „unbekannten“ Kulturvermittler sind letztlich unsere Partner. Sie können zu einer Schnittstelle werden – dafür müssen wir sie aber verstehen und ernstnehmen.

Ich denke es wird notwendig sein, ein paar Begriffsdefinitionen zu schärfen. Wir werden zudem immer wieder versuchen müssen, unsere Theorien mit der Realität abzugleichen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir eine virtuelle Theoriewelt erzeugen, die im Gegensatz zu Computerspielen und Onlinecommunitys nicht betreten werden kann. Vielleicht sollten wir uns von zwei Polen aufeinander zu bewegen. Der eine Pol wäre die Theorie und vor allem die Geschichte und damit verbunden die Realität der Kulturvermittlung und der andere Pol wäre das gelebte Web 2.0, die gelebte Welt der Computerspiele und die Menschen die damit arbeiten und leben.

Abschließend möchte ich anmerken, dass ich mich sehr freue, dass wir einen Blog als Plattform gewählt haben. Meiner Meinung macht es keinen Sinn, über das Thema Web 2.0 zu reden, ohne es auch zu leben. Erst die Menschen die Teil des Web 2.0 geworden sind können verstehen um was es geht und dann entscheiden, ob dies für sie – sei es beruflich oder privat – sinnvoll ist oder nicht.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen

Christoph Deeg

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8 Kommentare

  1. Ich finde es ganz wunderbar, dass die Diskussion nun endlich ins Rollen kommt. Es wird ein wichtiger Punkt aufgedeckt. Es wird die Kultureinrichtung bei durch die Vielzahl an Funktionen, die uns das Social Media so bietet, doch wieder außer Acht gelassen. Ich selber bin von der ‚Kultur in das Internet‘ gegangen. Meine Faszination ist die Möglichkeit der Kommunikation, Interaktion und Partizipation. Das sind die Dinge, die bei einem Socia Media Konzept nicht vergessen werden dürfen. Dazu bedarf es vor allem einer Analyse der eigentlichen Ziele und vor allem die Frage zu beantworten: Was bringt einer Kultureinrichtung die Präsenz im Internet. Das ist die Frage die ich zwar aus meiner Sicht in meiner Abschlussarbeit beantwortet habe, aber das konkrete Feedback von den Kultureinrichtungen noch verhalten blieb. So stellt sich meine Frage den wirklich Kulturschaffenden:
    1. Was halten Sie vom Social Media?
    2. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie?
    3. An welchen Punkten, die, wie Sie sagen immer von der gleichen Gruppe besprochen werden, scheiden sich Ihre Geister?
    4. Was wäre für Sie eine sinnvolle Lösung für Kultureinrichtungen das Social Media dem Bildungsauftrag entsprechend zu nutzen?

    Über eine Diskussion würde ich mich sehr freuen!

    Antwort
    • Liebe Anna,
      zuerst möchte ich mich ganz herzlich für Deinen Kommentar bedanken.Auch für mich ist die Frage, was denn der Kultureinrichtung die Präsenz im Internet bringt, sehr wichtig. Andererseits habe ich das Gefühl, dass diese Frage auch „zu früh“ gestellt werden kann. Das Web 2.0 in der heutigen Form ist noch sehr jung und es entwickelt sich stetig weiter. Eine Diskussion über den allgemeinen Nutzen des Internets halte ich erst dann für nachhaltig sinnvoll, wenn wir auch genügend Einrichtungen mit vielfältigen Angeboten im Netz haben. Damit
      ist natürlich nicht gemeint, dass sich die einzelne Institution diese Frage nicht stellen sollte. Zwar gibt es immer mehr Einrichtungen, die im Web 2.0 aktiv sind, die z.B. eine Facebookseite oder einen Twitteraccount haben. Jedoch bedeutet dies nicht gleichzeitig, dass die dortigen Aktivitäten zielführend bzw. erfolgreich sind.

      Zudem fehlt m.E. in der Breite ausreichendes Know How über das Thema Web 2.0 um „sinnvolle Lösungen“ zu entwickeln. Vielerorts werden diese Diskussionen von Menschen geführt, die gar nicht oder nur sehr eingeschränkt im Internet aktiv sind. Wenn wir davon ausgehen, dass die Kulturvermittlung im Internet erst am Anfang steht, dann sollte meiner Meinung nach vor allem vieles ausprobiert werden. Bitte verstehe mich nicht falsch: ich finde es absolut notwendig, eine individuelle Onlinestrategie zu entwickeln – nur sollte in diesem Fall davor eine Zeit des Ausprobierens stehen und ich habe nicht das Gefühl, dass diese Zeit schon vorbei sein könnte.

      Abschließend noch ein weiterer Gedanke: Du schreibst, dass Du Kultureinrichtungen gefragt hast, welchen Nutzen sie für sich in einer Internetpräsenz sehen. Sollte die Frage nicht eher lauten: Welchen Nutzen sehen Sie für den Nutzer, wenn Sie im Internet aktiv sind? Ich freue mich auf Deine Gedanken.

      Beste Grüße

      Christoph Deeg

      Antwort
      • Anna

         /  Januar 24, 2011

        Hallo Christoph,
        ich denke, dass es schwierig ist, abzuwarten, bis das Web 2.0 soweit ‚ausgereift‘ ist , dass sich Kulturvermittler darüber Gedanken machen können, inwieweit diese Art der Kommunikation zu Ihnen passt. Mehr noch ist die Frage zu beantworten: Was hat das Web 2.0 mit mir als Kultureinrichtung gemeinsam? Wo sind die Schnittstellen und wo besteht darin der Nutzen? Der Nutzen ist für beide Seite relevant. Zum einen für den Web 2.0-Nutzer, welcher der Besucher der Einrichtung ist und zum Anderen für die Kultureinrichtung selber. Diese Fragen müssen in einer Strategie oder einem Konzept geklärt werden. Der Nutzen für beide Seite spielt dabei die größte Rolle.
        Das ist aber ein weiterer Schritt, dem Voraus geht natürlich das Verständnis oder auch die Sensibilität der Kultureinrichtungen für die sog. Kommunikation 2.0. Dabei stellen die Kommunikationswege innerhalb einer Kultureinrichtung ein scheinbares Hindernis dar, sowie die bestehenden Hierarchien zwischen Kultureinrichtung und Besucher. Aber diese Strukturen lösen sich langsam auf. Die meisten der großen Kulturhäuser haben bereits eine Facebook-Seite und probieren sich dabei aus. Diese Grundlage ist also geschaffen. Jedoch scheint es dabei bei einigen an einer umgreifenden Strategie zu hapern, die die Kommunikation, und somit den definierten Nutzen für Besucher und Kultureinrichtung steigern können.
        Das Knowhow über Social Media ist also nicht das Grundproblem. Dabei verhält es sich wie bei jeder anderen Werbe-/Vermittlungsmaßnahme ähnlich:

        -Wen möchte ich wie und mit welchen Mitteln erreichen. Hinzu kommt nur noch eine weitere Komponente: Wie handhabe ich den entstehenden Dialog.

        Die technischen Fragen können nachher geklärt werden. Die Grundlage bildet die Klarheit und das Verständnis für das Zusammenspiel von Kulturvermittlung und Social Media.

      • Hallo Anna,

        ich glaube wir haben uns missverstanden. Mir geht es nicht darum, einen gewissen Reifungsgrad des Internets abzuwarten. Wir müssen und können schon jetzt über den Nutzen des Web 2.0 für Kulturinstitutionen diskutieren. Ich meine etwas anderes. In letzter Zeit erlebe ich wieder häufiger, dass vor allem Personen auf der Leitungsebene in Kultur- und Bildungsinstitutionen dem Web2.0 seinen Nutzen absprechen – ohne selber Erfahrungen im Web 2.0 gesammelt zu haben. Ich möchte also nur erreichen, dass wir das Thema auf Basis eigener Erfahrungen diskutieren. Ohne eigene Erfahrungen haben wir weder ein Gefühl für die aktuelle Situation noch eine Idee für die Chancen und Möglichkeiten und damit verbunden die dafür notwendigen Schritte.

        Zudem fehlt es logischerweise an „Langzeit-Erfahrungen“. Ein Beispiel: Die Arbeit im Web 2.0 kostet Ressourcen, sie ist nicht umsonst zu haben. Viele haben diese Ressourcen nicht, was dazu führt, dass z.B. in einigen Institutionen die Facebookseite in der Freizeit gepflegt wird. Dies kann auf Dauer nicht funktionieren. Also müssen wir nach anderen Wegen suchen…

        Ich gebe Dir Recht, dass es anscheinend bei sehr vielen Kulturinstitutionen an einem ganzheitlichen Konzept für die Onlineaktivitäten mangelt. Dies ist ein Umstand mit dem ich mich seit langer Zeit intensiv, beruflich beschäftige:-)

        Sicherlich haben wir schon viele Kulturinstitutionen bei Facebook – aber es sind im Vergleich zur Gesamtzahl der Institutionen noch viel zu wenige. Was die Klarheit zwischen Kulturvermittlung und Social Media angeht, so sehe ich dort eher Nebel. Gerade die Kulturvermittlung steht meiner Meinung nach erst am Anfang ihrer Online-Reise.

        Beste Grüße

        Christoph

  2. Regina

     /  Januar 20, 2011

    Liebes Blog-Team,
    ist es nicht so, dass gerade in der Kunst- und Kulturvermittlung „offline“ das Kommunikationsmodell Sender>Empfänger ständig überarbeitet wird? Der jetzt „modern“ im Zuge der fast revolutionär erscheinenden 2.0-Kommunikation aufgekommene Begriff des „Prosumenten“ ist gerade in der Vermittlungsarbeit offline keine neue Angelegenheit. Einzig die Begrifflichkeiten sind neu. Eine Kommunikation „auf Augenhöhe“ ist von Kunst- und Kulturvermittlern, die nicht gerade eine veraltet konservative Einstellung zu „Kultur“ im weiten Sinn haben, ständige Zielvorstellung. Die Kulturvermittlung an sich gibt es meiner Meinung eh nur relativ. Es sind fast immer Individuen, die mit Hilfe von Programmen und Ideen mit Interessierten in einen KULTUR-Dialog treten. Bei der Kulturvermittlung liegt es nicht, die Deutungshoheit zu sprengen. Vielmehr sind es ganz reale institutionelle, eingefahrene Strukturen, an denen gerüttelt werden muß. Dies geschieht m.E. nicht durch das Web 2.0.. Bis jetzt kann ich mir nicht vorstellen, dass durch eine Feststellung einer vermeindlichen „Gleichtwertigkeit“ von Web-Inhalten und die Möglichkeiten des hierarchielosen Austausches von Inhalten und Meinungen die Kultur der hierarchischen Organisation in z.B. Museen auf einmal umgekrempelt wird. Oder meinen Sie, der Druck würde zu groß werden? Sicher könnte ich mir vorstellen, dass das Web 2.0 für die Kulturvermittlung ein zusätzlicher Arm mit mehreren Händen sein kann, mit dem man viele Menschen erreichen könnte. Sie haben bemerkt: „Das Web 2.0 ist nicht kulturlos“. Wer hat anderes behauptet? Es sind hier nur zwei verschiedene paar Schuhe, die sie ansprechen, wenn ich das richtig verstehte:

    Mit einem erweiterten Kulturbegriff würde ich ganz klar auch das Internet, in dem eine Interaktive Kommunikation von Individuen betrieben wird (Chat, Blog, S-Networks, etc.) , in dem sich Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenschließen (Communities) und Inhalte (Musik, Bilder, Nachrichten, Bücher, Kochrezepte, Filme, etc.) konsumiert und rezipiert werden können, als KULTURFORM bezeichnen.
    Kulturvermittlung ist jedoch in gewissem Sinne auf einer Art Meta-Ebene angesiedelt, und zeitgleich auch Teil der Kultur selbst.
    Sie sprechen unter „Black-Box Kulturvermittlung“ eine Diskussion über Kulturvermittlung an. Welche meinen Sie? Können Sie eine Quelle nennen oder ggf. eine Erfahrung beschreiben?
    Die Definitionsproblematik, die hier dargestellt wurde, ist für mich nicht so ganz zu verstehen. Wie Frau Dr. Birgit Mandel in ihrem Beitrag bereits beschrieb, beinhaltet Kulturvermittlung eine gewisse Zielsetzung, die Kulturpolitik, Kunst, Marketing, Gesellschaft und Bildung als Bestandteil hat. Durch eine Zielgerichtetheit und Kompetenz in der Anwendung von Maßnahmen zu Erreichung dieser Ziele wird eine gewisse Professionalität von Kulturvermittlung vorausgesetzt. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Meta-Ebene, eine Theorie. Die Praxis von Kulturvermittlern und Kulturvermittlerinnen ist sehr breit gefächert, kann aber muß sich nicht immer auf alle Zielsetzungsbereiche beziehen.
    Natürlich gibt es auch Menschen ohne „Profession Kulturvermittlung“. Im Grunde ist es ja Sinn und Zweck einer prof. KV, die Menschen selbst zu mobilisieren, sich mit kulturellen Inhalten zu beschäftigen und dabei die unerschöpflichen Potenziale für die eigene individuelle Entfaltung zu entdecken und ein tolerantes und verantwortungsbewußtes Zusammenleben in der Gruppe zu ermöglichen.
    Jeder Mensch betreibt im Grunde Kulturvermittlung, es fragt sich nur wie und was vermittelt er denn da? So gesehen ist die von Ihnen bezeichnete „Black Box“ erstmal wirklich ziemlich schwammig und grau – besonders, wenn man bedenkt (und sie erwähnten es am Anfang ihres Artikels), dass Kultureinrichtungen selber erst am Beginn sind die Möglichkeiten des Web 2.0 als Instrument der Kultuvermittlung vernünftig zu nutzen. Es wird eben z.Z. viel ausprobiert. Die Techniken werden ausgelotet, es entstehen erste Konzepte. Manchmal wird gleich wie wild drauflos geweb2.nullt, oder virale Kampangnen gestartet, die voll nach hinten losgehen können. Es wird bestimmt auch mal aneinander vorbei „partizipiert“ und vor lauter Content-Salat bekommt man einen schwirrenden Kopf. Ich denke jedoch, wie es von dem ein oder anderen Social-Media-Forscher postuliert wird, dass es sich gerade um Jahre des Austobens handelt. In ein paar Jahren werden sich verschiede Web 2.0-Formate etabliert haben und für professionelle Kulturvermittler (damit sind auch K-Institutionen gemeint) und Nicht-Professionelle wird es leichter sein, den Überblick zu behalten. Dann wird nicht mehr so sehr auf die Technologie an sich geschaut, sondern es wird vielleicht wieder mehr um die Inhalte gehen.
    Die Erleuchtung der „Black Box“ wird es vielleicht trozedem nicht wirklich geben. Wichtiger, als die genaue Analyse der intuitiven Kulturvermittler á la mama, wäre, sie nicht zu einem neuen „White Cube“ mutieren zu lassen. Die Box kann doch erstmal schön groß und dick werden. Irgendwann sehen die dann alle. Mal sehen, was dann noch alles rausspringt. Ich wäre gespannt.

    @Anna: Eine „Möglichkeit der Kommunikation, Interaktion und Partizipation“ bei einem Social Media-Konzept zu vergessen, ist schon ganz schön schwer. Sorry!
    Zu deinen Fragepunkten: Die sind zu allgemein gehalten, wenn du hier eine Umfrage starten möchtest. Ich denke, diese Fragen hast du bestimmt auch schon für deine Arbeit verwendet (bis auf Punkt3).

    Grüße, Regina

    Antwort
    • Liebe Regina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich finde Deine Gedanken sehr spannend. Natürlich hast Du Recht, wenn Du sagst, dass Kulturvermittlung „offline“ schon länger das Ziel hat, mit dem Gegenüber auf Augenhöhe zu kommunizieren – die Frage ist nur: Findet das auch statt? Ich möchte auf keinen Fall negieren, dass es fantastische Vermittlungskonzepte gibt, die auch in die Realität umgesetzt werden – aber ist dies der Standard?

      Mein Eindruck ist der, dass dies in den meisten Fällen nicht umgesetzt wird. Viele der klassischen Denk- und Arbeitsweisen kann ich in Theatern, Opernhäusern, Museen, Bibliotheken etc. immer wieder entdecken. Und natürlich haben diese Wege der Kulturvermittlung ihre Geschichte und damit verbunden auch Ihre Daseinsberechtigung. Jedoch frage ich mich, ob wir es mit den aktuellen Wegen wirklich schaffen, dass kulturelle Inhalte (ich weiß immer noch nicht genau, was wir dazu zählen möchten und was nicht) wirklich Teil des täglichen Lebens werden? Werden heute wirklich signifikant mehr Menschen aus unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft erreicht? Oder anders ausgedrückt: Sind unsere Kultureinrichtungen wirklich offen? Ich persönlich bin da skeptisch. Und ja, auch diese Fragestellung ist nicht neu – bekommt aber meiner Meinung nach durch das Web2.0 neue Relevanz.

      Die Idee, dass es Kulturvermittlung eher relativ gibt und dass es eigentlich Individuen sind, die hier aktiv Kultur vermitteln finde ich sehr spannend. Ich bin eigentlich der gleichen Meinung (zumindest was den aktuellen Status Quo angeht) und genau das ist es was ich mit „Black Box“ meine. Ich glaube, dass es viele verschiedene Wege der Kulturvermittlung gibt. Und es sind genau diese vielen Individuen, die mich interessieren. Ein kleines Beispiel aus meiner eigenen Arbeit (die Geschichte ist sicherlich vielen dich mich länger kennen schon bekannt – ich bitte um Verzeihung für die Redundanz): Vor ein paar Jahren leitete ich eine CD-Abteilung in Berlin. Wir hatten größtenteils nur Jazz und Klassik im Angebot. Eines Tages hatte ich Besuch von drei Heavy-Metall-Fans die mich mit Kritik überhäuften. Mein Angebot wäre nur etwas für ältere Menschen, Jazz und Klassik wären Tod etc. Ich sah wenig Sinn darin, ein Loblied auf Jazz und Klassik zu singen. Also behauptete ich, dass ich sehr viel Heavy Metall im Angebot hätte. Das Ergebnis war eine Wette: Die drei Kunden sollten sich vier CDs meiner Auswahl anhören. Ich behauptete dass auf diesen CDs Heavy Metall zu hören sei auch wenn man es anders nennen würde. Wenn sie mir nach dem Hören nicht zustimmen würden, würde ich sofort einen Kasten Bier kaufen und Ihnen schenken. Es war eine einfache Wette – inmitten einer Welt aus Jazz und Klassik. Ich übergab den drei Besuchern Opern von Wagner sowie Aufnahmen von Strawinski (der Feuervogel etc.) Es dauerte zwei Stunden ehe sie wieder da waren. Sie erzählten mir, dass Sie noch nie soetwas durchgeknalltes gehört hätten – und sie wollten mehr davon.

      Ich hoffe ich konnte mit diesem Beispiel deutlich machen, was ich meine. Ich denke das auf diese Art und Weise überall kulturelle Inhalte vermittelt werden – ich habe z.B. so die Welt des Fußballs kennenlernen dürfen. Über die damit verbundenen Mechanismen wissen wir aber meiner Meinung nach zu wenig. Was für Personen sind das? Was sagen sie zu denen, die sie mit den ihrer Meinung nach wichtigen Inhalten zusammenbringen wollen? Welche Kommunikationsformen werden genutzt und wie wird darauf reagiert? Wenn wir die entstehenden Modelle verstehen, können wir versuchen damit zu arbeiten.

      Ich glaube in der Tat, dass der Druck auf die Kultureinrichtungen sich zu ändern irgendwann zu groß werden wird. Unabhängig ob sie selber aktiv sind oder nicht – die Institutionen an sich wie auch und vor allem ihre Inhalte werden Teil des Internets. Es ist nicht zu verhindern, dass auf kurz oder lang der Großteil der Inhalte im Netz zu finden ist – ich meine hier nicht illegale Raubkopien oder ähnliches. Selbst wenn es zu einem bestimmten Werk keine Kopie im Netz zu finden gibt – so werden doch Menschen darüber schreiben. D.h. zumindest indirekt ist der Inhalt online zu greifen. Diese Form der Kommunikation hat auch schon vor dem Web 2.0 stattgefunden. Sei es via Telefon, via Brief etc. Nun aber ist sie für jeden sichtbar und man kann mitmachen. Das sind neue Optionen, neue Chancen, neue Risiken.

      Ein letzter Gedanke noch: Michael Stephens (www.tametheweb.com) sagte in seinem Vortrag auf dem Bibliothekskongress in Leipzig 2010, dass die neuen Angebote wie Twitter erst dann interessant werden, wenn die Technologie langweilig wird, denn dann würde es um die Inhalte gehen. Insofern gebe ich Dir in Deinem sehr ähnlichen Gedankengang absolut recht. Jedoch muss uns auch klar sein, dass wir vielleicht eine Zeit erleben, in der sich auch in Zukunft in kurzer Zeit neue Plattformen entwickeln. Auf diese Prozesshaftigkeit werden wir uns einstellen müssen. Was denkst Du?

      Beste Grüße

      Christoph Deeg

      Antwort
  3. @Christoph: Du hast Anna in Deinem Kommentar geantwortet, dass eine Diskussion über den Nutzen des Social Web noch zu früh sei. Ich sehe das anders, gerade die Diskussion darüber trägt doch zur Entwicklung bei und über eines müssen wir uns klar sein: jede/r von uns wird einen anderen Nutzen aus den Social Media Aktivitäten ziehen. DEN Nutzen wird es nie geben, insofern sind Experimente nicht nur jetzt, sondern auch später immer erlaubt.

    Aber ohne Vorstellungen, was man damit erreichen möchte, sollte man sich nicht ins Social Web begeben. Dazu sind Zeit und Geld zu knapp.

    Antwort
    • Lieber Christian,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich glaube ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Natürlich muss man sich über den Nutzen der eigenen Onlineaktivitäten Gedanken machen. Natürlich ist es wichtig zu überlegen, warum man im Web 2.0 aktiv sein will. Auf diese Art und Weise lassen sich dann auch die eigenen Onlineaktivitäten hinsichtlich der Frage analysieren, ob man die damit verbundenen Ziele erreicht oder nicht. Es kann sogar sein, dass man feststellt, dass die Zielsetzung falsch war – die Aktivitäten aber andere Mehrwerte schaffen, mit denen man vorher nicht gerechnet hat.

      Wir haben in der Tat in der Regel keine ausreichenden Mittel, um „nur“ zu experimentieren. Was ich selber jedoch sehr oft erlebe ist eine Situation, in der über Sinn und Unsinn des Web 2.0 diskutiert wird, ohne selber in irgendeiner Form aktiv zu sein. Vielen Verantwortlichen in Institutionen und Unternehmen erschließt sich der Nutzen des Web 2.0 nicht. In diesen Fällen – die ist zumindest meine Erfahrung – lohnt es sich, eine Phase des Ausprobierens zu haben um ein Gefühl für dieses Medium zu bekommen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse machen es dann viel leichter, eigene Vorstellungen bezüglich der Frage, was man damit erreichen will zu entwickeln.

      Du sagst, dass jeder einen anderen Nutzen daraus ziehen wird. Da stimme ich Dir zu. Nur welcher Nutzen dies ist, weiß ich erst dann, wenn ich es selber ausprobiere. Ich denke zudem, dass Experimente später nicht nur erlaubt, sondern zwingend notwendig sind. Wie will man z.B. sonst auf neue Plattformen reagieren?

      Beste Grüße

      Christoph

      Antwort

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